Samstag, 4. Dezember 2021

 Illustrierte Kürzestgeschichten

Inspiriert durch gefundene Einkaufszettel –

wöchentlich erzählt von März 2019 bis Juli 2020.

 

26

 Fragen einer pensionierten Amtsrichterin

Eine pensionierte Kölner Amtsrichterin, die nichts so gerne tat, wie fremde Texte zu korrigieren, fand Ende August des Jahres 2019 bei einem Haushalts- und Lebensmitteleinkauf in ihrem Kölner Supermarkt einen Einkaufszettel, steckte ihn ein und studierte, an den heimischen Küchentisch zurückgekehrt, diesen fremden Zettel, der, wie nach erstem Durchlesen und Anschauen zu vermuten, von einer weiblichen Person unterdurchschnittlicher Bildung und mangelnder Systematik geschrieben worden war, was sich aus dem Schriftbild, der nicht zweckmäßigen Anordnung in Reihen statt in einer Liste und den Rechtschreibefehlern – zum Beispiel Mozarella – schließen ließ.

Aus dem Wort Kaffe, statt Kaffee, schlussfolgerte die Amtsrichterin, dass es sich bei der Verfasserin des Einkaufszettels um eine Berlinerin handeln könnte, da Kaffee in berlinischem Dialekt Kaffe mit kurz „e“ ausgesprochen wird. Hier stellte sich der Amtsrichterin die Frage, ob eine Berlinerin ihren Einkaufszettel in Köln verloren haben könnte. Wegen des hohen Grades an Unwahrscheinlichkeit einer solchen Situation ließ sie diese Frage unbeachtet.

Wiesen die Notizen 2 x Brot, 2 x Käse darauf hin, dass es sich bei der Schreiberin des Einkaufzettels um eine Frau handelte, die eine Familie zu versorgen hatte?

Nachdem die Amtsrichterin, der ihre bisherigen Beobachtungen und Überlegungen wenig hergegeben hatten, aber feststellte, dass die Verfasserin das große O von O-Saft drei Mal nachgezogen hatte, konzentrierte sie sich nun auf die Frage nach dem Grund des Nachziehens und Verstärkens eines Buchstabens. War das Verstärken des „O“ vielleicht auf ein Ausruhen vom angestrengten Nachdenken über in der Aufzählung Noch-Fehlendem zurückzuführen, also auf Abgelenktheit und unbewusstes spielerisches Zeichnen?

Die Kölner Amtsrichterin, die in all ihren Berufsjahren als Einzelrichterin in Strafsachen ungezählte Menschen als Angeklagte oder Zeugen, die sie beurteilen und über die sie entscheiden musste, vor sich gesehen hatte, überlegte, ob es vielleicht auch einen verbrecherischen Grund für das verstärkte O geben könnte. Wenn zum Beispiel die Verfasserin des Einkaufszettels daran dachte, aus Überdruss am Ewig-Gleichen, dem Einkaufen, dem Nach-Hause-Schleppen, Einräumen, Bereitstellen und Zubereiten, den Mitgliedern ihrer Familie und sich selbst das Leben zu nehmen, so wäre das durch Einmischung von hochdosiertem Koffein in Pulverform in den O-Saft sehr leicht möglich, da nach der Einnahme eines solch starken Koffeingetränks schwere Vergiftungen bis hin zum Tod auftreten.

Aus ihrer Untersuchung des gefundenen Einkaufszettel wieder auftauchend und sich erneut der Sommerhitze ausgesetzt fühlend, dachte die Pensionärin erleichtert: „Was für eine gewaltige Spinnerei, über die ich glücklicherweise nicht mehr zu entscheiden brauche,“ stand vom Küchentisch auf, füllte sich ein Glas mit Mineralwasser, zerknüllte den gefundenen Einkaufszettel, warf ihn in den Papierkorb, ging auf ihre Terrasse und sah sich um.

 

 

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Freitag, 3. Dezember 2021

 Illustrierte Kürzestgeschichten

Inspiriert durch gefundene Einkaufszettel –

wöchentlich erzählt von März 2019 bis Juli 2020.

 

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Mermaiden und Männer

 










Die sechzehnjährige Tülay wohnt mit ihrer Familie in einem modernen Haus im größten privaten Neubaugebiet Deutschlands, in Widdersdorf, Neu-Widdersdorf, einem Kölner Stadtteil im Nordwesten der Kölner City.

An diesem heißen Augusttag ist Tülay mit ihren Freundinnen Carolin und Eva zum Mermaiding im Escher See verabredet. Tülays Vater Mehmet will sie mit dem ganzen Gepäck, ihren Monoflossen und bunt-schuppigen Meerjungfrauenschwänzen, den Seitenflossen und glitzernden bunten Schwimmringen zum See fahren und sie dort beaufsichtigen.

Als Tülay bei Eva – ein paar Häuser weiter – läutet, erscheint Evas Mutter. „O, ihr seid schon da! Eva ist noch nicht vom Einkaufen zurück.“

In diesem Moment erscheint Eva, begrüßt Tülay und deren Vater, der an der geöffneten Autotür wartet, mit einem lauten „Hallo!“ und fingert schnell die 6 kl. Flaschen Wasser, Hackfleisch, Paprika und den Burger-Käse aus dem Beutel, um sie ihrer Mutter zu geben und den Beutel mit den drei Dosen Pringels an den See mit zu nehmen. Dann holt Tülays Vater auch Carolin mit ihren Sachen zu Hause ab.

Gemeinsam haben Tülay, Carolin und Eva schon vor zwei Jahren bei Mermaiding Cologne ihre Zertifikate als Meerjungfrauen erworben.

Als begeisterte Mermaiden haben sie natürlich die Mermaidmania; ihre Mädchenzimmer haben die drei mit Flossenkissen, -decken, Deco-Fischernetzen, -Fischerkugeln und Mermaiden-Plakaten dekoriert.

Eines Tages – so träumen sie manchmal gemeinsam – wollen sie an der Wahl zur Miss Mermaid International1 teilnehmen, vielleicht, wenn sie achtzehn sind.

Natürlich haben sie auch schon viele Bücher über Meerjungfrauen und Nixen gelesen. Sie sind Spezialistinnen für die Frauen des Meeres, die Macht haben über Winde, Gezeiten und Männer.

Männer, die ihnen vertrauen, können sie mit in die Tiefe ziehen. Sie können Männer aber auch heilen und verwandeln – wie es Tülay mit ihrem Papa Mehmet gelingt, was Eva und Carolin sehr genau beobachten und bewundern.

 

1 Vgl.: YouTube, Miss Mermaid International Competion

 

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Donnerstag, 2. Dezember 2021

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Inspiriert durch gefundene Einkaufszettel –

wöchentlich erzählt von März 2019 bis Juli 2020.

 

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Rotwein – kräftiger

 

Diesen Einkaufszettel finde ich unsympathisch – wegen der Flüchtigkeit und Verschmiertheit der Handschrift und wegen der Auflistung von vier Genussmitteln, Rotwein-kräftigen, Käsekuchen, Schokolade, Kaffee.

Warum schreibt jemand, der Rotwein kaufen will, auf, dass es ein kräftiger sein soll? Was meint er damit? Dass der Rotwein einen hohen Alkoholgehalt, vollmundig schmecken oder in Eichenfässern gereift sein soll? 

„In Eichenfässern gereift“? Stünde ihm diese Kategorie zur Verfügung?

Ist der Zettel für jemand anderen geschrieben, sind die vier Genussmittel jemandem diktiert worden? Wie hätte der Auftrageber oder die Auftraggeberin dann erklärt, was mit kräftig meint ist?

Ich nehme an, dass es vor allem die Kombination von merkwürdiger Produkteigenschaft und Schriftbild ist, die mich abstößt. Zwar finde ich nicht selten auf gefundenen Einkaufszetteln unsympathische Schriftbilder, aber hier ist es das gesamte Erscheinungsbild des Einkaufszettels. Ich hätte ihn gar nicht aufheben sollen – und also lasse ich mir zu diesem Einkaufszettel nichts einfallen.

Oder habe ich nur einen schlechten Tag?

 

 

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Mittwoch, 1. Dezember 2021

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23

 

Ben’s Next Friday For Future

Seitdem Ben in der 8. Klasse kürzlich sein Referat über „Milch“ geschrieben hat und dabei recherchierte, dass Milch nach neuester Erkenntnis Gift für Menschen, ja krebsfördernd sei, setzte er durch, dass seine Familie – Jennifer, Martin und seine Schwester Lina nebst Hündin Bella – keine Kuhmilch mehr trinkt. Jennifer versorgt also die Familie mit Hafer- und Reismilch, die bei allen vieren sehr beliebt ist. Bei Käse haben sie den Umstieg noch nicht so ganz geschafft.

Als Ingenieur für Erneuerbare Energien hat Martin einen Job als Überwacher von Windkraftanlagen. Condition-Monitoring nennte sich das. Er ist viel unterwegs, weil er die Kunden seines Unternehmens besucht. Für notwendig werdende Ausbesserungen an den Windkraftanlagen beauftragt er Reparaturservicefirmen.

Am letzten Sommerferienwochenende fährt Martin mit der ganzen Familie zu einer neuen Windkraftanlage in Ostfriesland.

Während Jennifer mit Lina und Bella den ersten Fun-Agility-Park – Hundespielplatz – Deutschlands besuchen, will Martin Ben eine Windkraftanlage zeigen.

Am Turm des Windrads wartet Martins Kollege Wilfried. –  Martin legt Ben ein Sicherheitsgeschirr an und setzt ihm einen Bauhelm auf. Zu Dritt betreten sie den engen Aufzug und fahren etwa fünf Minuten lang im Turm nach oben. 108 m hoch! 

Beim Generator angekommen, steigen sie über eine Leiter weiter zur Luke am Kopf des Windrads auf.

Als zweiter klettert Ben raus auf das Dach des Generators. Sehr luftig. Martin hakt Bens kurze Gurte vom Sicherheitsgeschirr in eine am Boden verlaufende Sicherheitsschiene ein. Dann geht Ben neben Martin langsam auf die sich drehende Nabe mit den drei Rotorblättern zu. Die sind riesig, geformt wie Flugzeugflügel. Aerodynamisch. Über 40 Meter lang! 

Überwältigend! Ben ist sprachlos. Er sieht die ostfriesische Küste, die Inseln. . . .

 

Im Bett denkt Ben darüber nach, ob er noch ein Referat schreiben sollte, freiwillig, eines über Strom aus Windkraftanlagen. „Ach, nee“, beschließ er, und er denkt: „Wenn ich nächsten Freitag wieder bei den Fridays for Future mitgehe, werd' ich Mia aus der 9. Klasse erzählen, dass ich auf einem 108 Meter hohen Windrad gestanden habe.“

 

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Dienstag, 30. November 2021

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22

 

Kimyas gutes Deutsch

Wer sie fragt, wo sie herkomme, den schaut sie fragend an und antwortet nach einer Pause: „From Kenia.“

Sie ist dunkelbraun, groß und schlank. Eine schöne Afrikanerin. Zu ihrem weißen Spitzensommerkleid trägt sie eine helle Jacke und einen bunten Schal. Mit Vornamen heißt sie Kimya.

Sie ist die Tochter eines industriellen Rosenzüchters in Kenia, der ihr ein Studium an der School of Business an der Universität Nairobi ermöglichte. Von dort ging sie zur Fortsetzung ihres Studiums an die Cass Business, die wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der University of London.

Wegen ihres einjährigen Postgraduiertenstudiums „Internationale Zusammenarbeit für nachhaltige Entwicklung“ an der Humboldt Uni Berlin wohnt sie nun in einer deutsch-afrikanischen Wohngemeinschaft in Kreuzberg. In Berlin-Mitte macht sie einen Deutsch Individualkurs am Goethe-Institut.

Da am Wochenende die drei Mitbewohnerinnen da sein werden, hat Kimya alle zu einem kenianischen Essen eingeladen. Sie will Ugali kochen und hat sich deshalb im Internet vergewissert. „How To Make Kenyan Ugali!1 – Watch how to make Semolina African Style! Enjoy it with African soups any time of day, apart of morning! This will make you heavy all day!“

Kimya serviert Ugali mit Hähnchenschenkeln, Kürbis und grünem Spargel auf Kürbisblättern. Dazu gibt’s weißen Riesling.

Anna, Jamila und Lisa sind begeistert von Kimyas Festessen.

Jamila erzählt von einem Plakat, das sie in Kreuzberg gesehen hat – mit einem Polizisten und der Schrift „KANN FRÜH und KANN SPÄTI“.

Und Lisa wirft ein, ja sie habe auch ein Plakat mit einer Polizistin gesehen, und darauf habe gestanden: „KANN 1. MAI und KANN 1. SCHULTAG“2

„Was soll das bedeuten?“ fragen Jamila und Lisa wie aus einem Munde.

„Das ist kompliziert“, antwortet Anna, „es kommt von Obamas „Yes We Can. Die Berliner Polizei will sagen, dass sie etwas beherrscht, was sie bisher nicht beherrschte.“

„Aber es ist schlechtes Deutsch“, sagt Kimya.

 

1 Ugali ([u’ ga li]) ist die in der ostafrikanischen Sprache Suaheli verwendete Bezeichnung für einen Getreidebrei aus Weizen- oder Maismehl, der zu relativ fester Konsistenz gekocht wird. Wikipedia

2 „Wir können Hauptstadt“ – Unter diesem Motto präsentierte die Berliner Polizei Mitte August 2019 eine neue Imagekampagne.

 

 

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Montag, 29. November 2021

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21

Gedicht 









H. D. Quarz

 

Was will ich einkaufen?

 

Milch und Hühnerbeine

Jogurts und Molke

Mandarinen und Gurken?

 

Hühnermilch und Beine

Jogmol und Urtske

Mangur und Kendarinen?

 

Beinemilch und Hühner

Molurts und Kejog

Arinengur und Kendman?

 

Nein!

Milch und Hühnerbeine

Jogurts und Molke

Mandarinen und Gurken!

 

 

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Sonntag, 28. November 2021

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 20

Philipps Amorphophallus

Frisch rasiert – der neue Rasierschaum ist klasse! – sitzt Philipp auf seinem kleinen Balkon am Südwestkorso. Es ist ruhig, sehr warm und dunkel, nur sein solar gespeistes Einmachglas spendet gemütliches Balkonlicht. Wie schon vorgestern trinkt er einen Cocktail mit Batida de Coco, braunem Zucker, Pepsi, Limetten. Er übt das Drinkmixen, schließlich möchte er einen Unforgettable Party-Drink hinkriegen. Gestern Abend hat er schon einen Cocktail gemixt, aber den fand er nicht so super. Heute hat er einen nach einem Rezeptvideo im Internet gemixt; so tastet sich Philipp an beste und wirksamste Drinks heran.

Philipp ist Student und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der staatlichen Beuth Hochschule für Technik Berlin. Er studiert „Gartenbauliche Phytotechnologie“, ein Masterstudiengang am Fachbereich V mit dem Abschluss (B. Sc.) Bachelor of Science.

Seitdem Philipp seine Nachbarin Yasemin zufällig auf einer Party von Kollegen kennengelernt hat, ist er schwer in sie verliebt. Yasemin Eren heißt sie, und sie studiert wie er an der Beuth Hochschule, im Studiengang Geoinformation. Sie wisse noch nicht, wo sie hinwolle, zur Kartographie oder zur Vermessungstechnik.

Yasemin wohnt wie er in Schöneberg, gar nicht so weit weg. Philipp will sie einladen, um ihr seinen eineinhalb Meter hohen Amorphophallus zu zeigen und um eventuell mit ihr dessen Aufblühen zu beobachten. In den nächsten Nächten ist es so weit. Aber der Duft des Amorphophallus ist natürlich sehr unangenehm. Er stinkt fürchterlich, nach Verwesung, nach Tod und Jauche. Kann er ihr diesen Gestank zumuten? Soll er das wirklich versuchen? Andererseits, wenn sie den nicht aushalten kann, ist sie auch nicht die Richtige für ihn.

O! Es ist soweit, das Blütenblatt beginnt sich zu öffnen! Philipp ruft Yasemin Eren an. Ob sie Lust habe, das Öffnen seines Amorphophallus mit zu erleben? Er hat Glück, sie ist am Apparat.

Philipp jubelt innerlich. Ja, hat Yasemin gesagt, in zehn Minuten könne sie bei ihm sein.

Es brummt. Er öffnet die Tür. Yasemin steht in heller Sommerbluse und Jeans vor ihm. Er führt sie in die Küche, mixt gekonnt und schnell seinen „Unforgettable“, führt sie zum kleinen Balkon. Beide prallen zurück.

Der Amorphophallus verströmt seinen Pestgestank – und Philipp wendet sich um – und sie küssen einander, während sie noch die Gläser mit seinem Unforgettable in Händen halten.

 

 

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