Dienstag, 18. Januar 2022

 Illustrierte Kürzestgeschichten

Inspiriert durch gefundene Einkaufszettel –

wöchentlich erzählt von März 2019 bis Juli 2020.

 

50

 

Das neue 1986

 

Lasagne, Mandelmilch, Backpulver, Zimt, Cashews, glutenfreies Mehl, Kokosraspeln, Kokosöl. Hans-Jürgen hatte alles, was Gisela ihm diktierte, aufgeschrieben. Ein Fremder, der Hans-Jürgens verlorenen Einkaufszettel gefunden hätte, würde sofort erkannt haben, dass der Schreiber des unordentlichen Zettels ein auf gesunde Ernährung erpichter Mensch sein musste: Kokosöl zum Beispiel wegen der Fettsäuren gegen Alzheimer und wegen der Antioxidantien gegen schnelle Alterung, Mandelmilch gegen Cholesterin. Auf der Rückseite des Einkaufszettels, auf der Hans-Jürgen Koriander, Salat und Banane notiert hatte, schrieb Gisela noch schnell mit rotem Filzstift, als Hans-Jürgen auf der Toilette war, Binden auf, Bio-Binden aus Baumwolle für ihn, die er seit der Prostataoperation brauchte.

Hans-Jürgen kaufte fast täglich ein – Gisela kümmerte sich seit ihrer Pensionierung um den Haushalt, um die täglichen Mahlzeiten und die Kuchen. Und sie putzte, denn eine Putzfrau, die nicht schwarz bezahlt werden wollte, war nicht zu finden. Aber sie putzte nur Badezimmer, Toilette und Küche, alles andere putzte Hans-Jürgen. Er putzte die Fenster, entstaubte die Rumsteherchen, auch die Bücherregale, und staubsaugte alle Flächen. Dass Gisela Badezimmer und Toilette putzte, lag daran, dass Hans-Jürgen das nicht so gut machte, wie Gisela sich das vorstellte. Insoweit war also bei Gisela und Hans-Jürgen alles so normal wie bei anderen Leuten.

Aber jetzt in Zeiten des Coronavirus, der Pandemie, da überall Gefahr lauerte, musste alles noch viel gründlicher geputzt werden, als sonst. Das Coronavirus konnte draußen überall haften, an den Türklinken, den Einkaufswagen, den Laufbändern und Trennhölzern vor den Supermarktkassen. Von dort konnte man es nach Hause bringen. Darum war ja das Händewaschen als wichtigste Schutzmaßnahme Tag für Tag groß vom Bundesministerium für Gesundheit in allen Tageszeitungen angezeigt. Hans-Jürgen hatte gelesen, dass Umweltmediziner nachgewiesen hätten, dass Coronaviren bis zu vier Tage auf unbelebten trockenen Flächen überleben konnten. – Täglich hörte man Neues über das Virus, über die Anzahl der Gestorbenen, die Börsenabstürze, die wirtschaftlichen Folgen, die Quarantänegebiete in aller Welt …

Dass Hans-Jürgen sich an den Bildern des Virus störte, den täglich in allen Medien aufploppenden, fußballgroßen blauen oder weißen Kugeln mit den roten Strahlenpilzen, die Zombieviren, konnte Gisela nicht verstehen. Das seien doch nur mediale Platzhalter für das Unsichtbare. –

Täglich sprachen Gisela und Hans-Jürgen über all das, was mit dem Virus zusammenhing und worauf zu achten war. Ihre täglichen Virusbesprechungen erinnerten beide an Tschernobyl 1986. Die damaligen Gefühle gegenüber der Verstrahlung entsprachen den Gefühlen gegenüber dem Coronavirus.

Wie damals musste man sich durch Informiertheit wappnen. Und man musste Glück haben.

 

 

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Samstag, 15. Januar 2022

 Illustrierte Kürzestgeschichten

Inspiriert durch gefundene Einkaufszettel –

wöchentlich erzählt von März 2019 bis Juli 2020.

 

49

 

Der Goldhelm

 

Als er an der Fleischtheke wartet, hört er plötzlich: „Kennen wir uns nicht? Bist Du nicht Friederich? Kunstakademie Düsseldorf? 1959“?! – Er sieht die ältere Frau neben sich verdutzt an: Klein, pummelig, hoch getürmte dichte graue Haare. Und er registriert, dass sie sehr ungewöhnlich gekleidet ist. Sie trägt einen auffälligen Mantel in Schlangenoptik und glänzende rote flache Stiefeletten – durchaus attraktiv. Er ist irritiert, aber dann: „Marianne? Der Goldhelm?! Unglaublich! Wann haben wir uns zuletzt gesehen? 1959?“ –

Der Fleischthekemann meldet sich vorsichtig zu Wort „Darf es noch etwas sein?“ – Irritiert schaut er auf seinen Zettel. Dann sagt er wie verstört: „Zwei Schweinefilets.“ Während der Fleischverkäufer stumm fragend und zögernd das Messer über das Filet hält, spürt Friedrich, dass er eine Pause braucht. Er nickt und schweigt, bis die Fleischscheiben gewogen und eingepackt, der Preis angeheftet und er alle Päckchen in den Einkaufswagen legen kann. Und er wartet stumm weiter, als Marianne nach ihren Wünschen gefragt, zwei Entrecôtes verlangt.

Alle Erinnerungen an die blonde Marianne im ersten Semester der Kunstakademie schießen bei ihm zusammen: Marianne hatte ein Jahr vor ihm den Vorkurs gemacht. Alle nannten sie „der Goldhelm“, weil sie ihre goldblond schimmernden Haare zu einer fest gedrehten Hochfrisur auftürmte, eine Frisur, die an den „Mann mit dem Goldhelm“ von Rembrandt – damals noch Rembrandt-Original! – erinnerte. Er hatte den Goldhelm beim Essen in der Mensa kennengelernt. In jenem Sommersemester verliebte er sich so in sie, wie er vorher noch nie verliebt gewesen war. Etliche warme Frühlings- und Sommerabende saßen sie eng aneinander auf dem gefährlich schmalen Absatz, der unten an der Düsseldorfer Kai-Mauer über dem fließenden Rhein entlang lief. Wie er von ihr dort das Küssen gelernt hatte, so lehrte sie ihn auch das Rauchen „auf Lunge“ mit den Peter Stuyvesant-Zigaretten. Dies’ erste unvergessliche High-Gefühl!

Neben und hintereinander schieben sie jetzt mit ihren Einkaufswagen Richtung Kassen.

Worüber soll er mit ihr sprechen? Sie hatte ihn schon Ende des Sommersemesters 1959 verlassen. Die schrecklichen Szenen zu Dritt auf den Rheinwiesen in Himmelgeist! Er hielt sie für mannstoll. –

Zwanzig Jahre später traf er in Münster den ehemaligen Kommilitonen Kuno im Museum. Sie tranken Kaffee, und er erfuhr, dass Kuno Marianne geheiratet hatte, dass er aber jetzt entsetzlich darunter litt, dass sie sich von ihm getrennt und sich vor Kurzem mit seinem Scheidungsanwalt verbandelt hatte.

Worüber soll er mit ihr reden? Soll er sie fragen, ob sie etwas von Kuno wisse?

Da hört er den durchdringenden Gong der Nachrichtenansage des Deutschlandfunks, ist wieder wach und fühlt die erleichternde Gewissheit, dass er nicht mit ihr reden muss. – Alles nur geträumt!

 

 

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Mittwoch, 12. Januar 2022

 Illustrierte Kürzestgeschichten

Inspiriert durch gefundene Einkaufszettel –

wöchentlich erzählt von März 2019 bis Juli 2020.

 

48

 

Atemschutzmaske

 26.2.2020

Jean-Charles (49), gebürtiger Straßburger, aufgewachsen in Hongkong, ist wieder einmal in Berlin, wo er eine Einzimmerwohnung besitzt. Am liebsten ist er während der Berlinale in der Stadt. Man könnte Jean-Charles für einen Mann aus der Film-Branche halten, denn die Geschichte seiner Berlinale-Erfahrungen macht ihn zum Experten – er weiß, wo man während der Berlinale isst, trinkt und tanzt. Ob Grill Royal am Schiffbauerdamm, ob Al Contadino sotto le Stelle in der Auguststraße, ob Hotel Adlon oder Borchardt am Gendarmenmarkt, Jean-Charles weiß, was wo wann läuft.

Jean-Charles ist ein Typ so zwischen Jean Marais und Mathieu Carriére, nur weicher, ein Mann, dem die heimlichen Blicke der Frauen folgen, ein Mann, der bei Frauen leichtes Spiel hat.

Jean-Charles, Simultandolmetscher bei der EU-Kommission in Brüssel, sitzt im Al Contadino sotto le Stelle mit der Theater- und Filmschauspielerin Anneke K. S. vor den gerade gebrachten und herrlich duftenden Pizzen, als sein Iphone vibriert.

Es ist sein Freund Frank B., der zuerst fragt, wo er gerade sei. Die Polizei brauche ihn als Chinesisch-Übersetzer am Flughafen Tegel, wo ein Passagier aus Mailand gelandet sei. Wegen dessen stark erhöhter Temperatur sei er verdächtig, den Corona-Virus einzuschleppen. Die Polizei werde ihn, Jean-Charles, jetzt in der Auguststraße abholen und zum Flughafen bringen. Er solle bei der Befragung und bei der Untersuchung übersetzen.

Erbleichend gibt Jean-Charles den Inhalt des Telefonats flüsternd an Anneke weiter. Nach stummer Pause trinkt er den Rest Rotwein aus, erhebt sich, gibt Anneke drei luftige Bizets und wendet sich zurück zur Garderobe.

„Wo kriege ich jetzt einen Mundschutz her“, stößt er leise hervor. Wenn er doch heut Morgen statt der Packung éponge synthétic eine Packung Einweg-Mundschutz gekauft und eingesteckt hätte!

Der große und athletische Jean-Charles mit seinen fülligen, wellig fließenden Locken wirkt auf einmal gar nicht mehr so souverän.

Sich den roten Schal umlegend, erkennt er die beiden Streifenpolizisten, die da auf ihn warten, eine mit Pferdeschwanz und einer mit Bart. Er geht auf sie zu. Man bringe ihn jetzt sofort nach Tegel. Der Mann sei über Istanbul und Mailand nach Tegel gekommen. Er sei ein chinesischer Monteur, ein Service-Mann für Sozialroboter, der außer absolut unverständlichem Englisch nur Chinesisch spreche.

Als Jean-Charles in den Streifenwagen steigt, sieht er, dass auf der Hinterbank schon eine junge Frau sitzt. Sie stellt sich sofort als Myrielle Florence, Virologin, Klinikärztin, Charité, vor. Während der Fahrt schiebt ihm Dr.  Florence lächelnd eine Klinikatemschutzmaske zu.

Wie ein Kondom, denkt Jean-Charles und lächelt Myrielle dankbar zu.

 

 

 

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Montag, 10. Januar 2022

 Illustrierte Kürzestgeschichten

Inspiriert durch gefundene Einkaufszettel –

wöchentlich erzählt von März 2019 bis Juli 2020.

 

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 In Menden


Björn erkennt sofort, dass es sich um einen Einkaufszettel handelt, nimmt ihn auf, überfliegt ihn, liest die Worte Duschgel und Rasierschaum, ist davon wie elektrisiert, legt aber den Zettel wieder aufs Pflaster, vorsichtig und jetzt auch ein wenig komponierend – schräg gegen schräg – zieht das Smartphone aus der Hosentasche und fotografiert den Einkaufszettel auf dem Pflaster. Dieses Foto will er am Nachmittag auf seinem Foto-Blog veröffentlichen. Den Zettel hebt er auf und wirft ihn in den nächsten Abfalleimer.

Björn (52), groß und hager, mit Brille, skeptisch-wachen Augen, auf Selfies immer grimassierend, ein Sprachspieler, Wortzauberer, Erzähler und Dichter – er nennt sich selbst schlicht „Autor“ – verdient sein Geld als Grafikdesigner, arbeitet sich an typografischen Aufträgen ab und entwickelt mit und für seine mittelständische Kundschaft komplette Logosysteme etc. – Zu seinem Vergnügen schreibt er humorvolle Nonsensgedichte, reimt kluge satirische Texte zum Lauf von Welt und Gesellschaft und sendet sie an eine Hauptstadtzeitung, die seine Werke alle Donnerstage veröffentlicht. Außerdem kümmert er sich täglich um die Internetpublikation seiner permanent frisch sprießenden Ideen, indem er seinen Foto-Blog betreibt und seine Webseite mit neuen Texten und Zeichnungen pflegt.


Björn liebt Tanja.

Tanja (51), ein bisschen rundlich, Lachgrübchen, immer vergnügt, ist Produktdesignerin. Tanja verdient seit drei Jahren recht gut an den von ihr designten Sporttaschenkollektionen, die sie aus dem Stoff und dem Leder alter ausgemusterter Sportmatten und aus ausrangierten Feuerwehranzügen von einer kleinen Werkstatt herstellen lässt. Drei Läden, je einer in Dortmund, Köln und Berlin verkaufen ihre Taschen mit sehr gutem Erfolg, ja die Läden würden Tanja noch mehr Ware abnehmen, ließe sie nur mehr Sporttaschen produzieren.

Björn und Tanja sind in Menden geboren und aufgewachsen, sind unabhängig voneinander zwecks Ausbildung ein paare Jahre zwischen Menden und Dortmund gependelt und leben seitdem zusammen in Menden.

Sie mögen Menden, seine Atmosphäre, die Mendener Altstadt, die kleinen restaurierten Fachwerkhäuser, die stillen Gassen, Mendens Ruhe und Bescheidenheit.

Wenn Björn und Tanja samstags mit den Einkäufen nach Hause gekommen, alles verstaut und aufgeräumt haben und bei einer Tasse Kaffe beisammen sitzen, berichten sie einander, was sie beim Einkaufen im Zentrum Mendens gesehen, gehört, erlebt, gedacht und empfunden haben.

Björn und Tanja sind sich mit Loriot einig:

„Ein Leben außerhalb von Menden ist möglich, aber sinnlos.“

 

 

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Sonntag, 9. Januar 2022

Illustrierte Kürzestgeschichten

Inspiriert durch gefundene Einkaufszettel –

wöchentlich erzählt von März 2019 bis Juli 2020.

 

46

 

Alle Jahre wieder

 

Margret saß in der Küche. Das Radio lief, aber während sie die Sachen, die sie zum Backen und für ihre Frühstücke noch brauchte, auf den vorgedruckten Einkaufszettel „Es weihnachtet sehr“ schrieb, achtete sie nicht auf die Stimmen im Radio.

Sie dachte daran, einige neue Liedtexte der Kölner Karnevalbands, der Höhner, Paveier, Klüngelköpp, Bläck Föös, Kasalla, und wie sie alle heißen, im Internet zu suchen, anzuhören und eventuell auszudrucken, damit sie die bis Mitte Januar auswendig lernen könnte, wenigstens die Refrains, die ihr am besten gefielen. Die Refrains waren ja super einfach, und die hatte sie erfahrungsgemäß schnell drauf. Zum Beispiel Kasalla: „Oh Oh Joldfesch und Piranha / Oh ho ho Pommes und Champagna“ – oder: „Rette sich wä kann / mer lääje aan / Pirate – wild un frei / Dreimol Kölle Ahoi / Und dä Dudekopp op unsrer Fahn / hät en rude Pappnaas aan.“ –


Margret plante, Ende Januar am neuen Kölner Kult, dem gemeinsamen Ansingen neuer Karnevalslieder, dem „Einsingabend“ im Rhein-Energie-Stadion in Müngersdorf teilzunehmen. Lisa, die voriges Jahr zum ersten Mal dort mitgesungen hatte, hatte ihr davon vorgeschwärmt. Es seien natürlich auch alte Lieder gesungen worden, zum Beispiel „In unserm Veedel“ …. Die Werbung für den Einsingabend 2020 war schon Ende November mit „Hallo Jecke, Immis, Kölsche nah und fern, et jeit widder loss“ in allen Kölner Stadtzeitungen erschienen.

Margret merkte nicht, dass sie in ihren Gedanken die vorgedruckte Schrift des Einkaufzettels, die Herzchen und Pünktchen, nachzeichnete.

Aber plötzlich war sie hellwach. Sie hörte eine deutliche Lautsprecherwarndurchsage. „Wegen einer Bombenentschärfung – 500 Kilogramm schwere Fliegerbombe – Gefahrenbereich innerer Kreis – um 13 Uhr – Wohnung verlassen.“

Da schellte es. Sie lief zur Tür, öffnete. Ein Polizist stand vor ihr und überreichte ihr eine Checkliste: „Worauf beim Verlassen der Wohnung zu achten ist“.

Eine dreiviertel Stunde später betrat sie die Mehrzweckhalle im Schulzentrum Köln-Weiden. Menschen jeden Alters saßen, standen und spazierten herum. Es war voll. Sie hatte sich kaum umgesehen, da bemerkte sie einen bärtigen, circa Vierzigjährigen, der mit Gitarre auf einer Bank stand und zwei, drei Mal laut in die Menge rief: „Ich schlage vor, die Wartezeit mit Singen zu verbringen. Was wollt Ihr singen? Weihnachtslieder oder Karnevalslieder?“ – „Loss mer Weihnachtsleeder singe!“ rufen einzelne der Nächststehenden zurück und mit seinen ersten Gitarregriffen stimmt der Bärtige an:  

Alle Jahre wieder

kommt das Christuskind

auf die Erde nieder,

wo wir Menschen sind.

 

 

 

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Freitag, 7. Januar 2022

 Illustrierte Kürzestgeschichten

Inspiriert durch gefundene Einkaufszettel –

wöchentlich erzählt von März 2019 bis Juli 2020.

 

45

 

Tabea Feuerhahn

 

So lange nichts von Tabea Feuerhahn gehört und gesehen! Was mag mit ihr los sein?

Nach dem Abitur war sie zwei Jahre als Au-pair unterwegs, erst ein Jahr in Paris, dann ein Jahr in London. Damals traf ich sie im Café Lula in Friedenau am Breslauer Platz. Sie schwärmte von London und der französischen Familie, deren zwei Jungens sie in London betreute. Sie sprach mit den Knaben Michel und Tom, sechs und acht Jahre alt, englisch, während die Eltern mit ihren Söhnen französisch sprachen.

Später erfuhr ich von einer befreundeten Friedenauer Kollegin und Zeichnerin, Tabea habe nach ihrer Rückkehr aus London keine Lust mehr auf ein Studium gehabt. Sie hätte unbedingt etwas Praktisches, „etwas mit den Händen“, machen wollen und sie habe zwischen Zimmermannfrau oder Schreinerin geschwankt. Da wir lange nichts mehr von Tabea hörten, nahmen wir an, dass sie als Zimmermannfrau auf Walz war. Wir verloren sie aus den Augen.

Als ich 2018 auf der dritten Seite im Tagespiegel den sensationellen Bericht mit Bild über die junge Frau las, die ohne Hilfsmittel und nur mit bloßen Händen verbotenermaßen am Südturm des Kölner Doms bis auf die oberste Spitze der Kreuzblume geklettert war, erkannte ich sie. Das war Tabea! Wer sonst schon war so todesmutig und tollkühn?!

Ich wollte ihr schreiben und ihr zu dieser Leistung gratulieren, aber ich hatte ihre Adresse nicht.

Also verlor ich sie wieder aus den Augen. Und sah sie wieder – in einem 3sat-auslandsjournal-extra-Bericht aus London. Nur flüchtig, aber sie war es – von Kopf bis Fuß in Blau mit gelben Sternen. Breite blaue Europa-Baskenmütze, gelbe Sterne auch auf der Schlaghose, stand sie da mit einem Pro-Remainer-Plakat vor dem Westminster Palace und schrie mit allen anderen „Stop Brexit“. Sie war also wieder in Great Britain und kämpfte für Europa! Was sie wohl arbeitete, womit sie Geld verdiente, fragte ich mich.

Und dann das! Bei EDEKA gab mir die Angestellte, die manchmal an der dem Eingang nächstgelegenen Kasse sitzt, einen gefundenen Einkaufszettel. Ich blickte auf den Zettel, sah die Schrift, und es durchzuckte mich wie ein Blitz. Tabea hatte diesen Zettel geschrieben! Unter Tausenden erkenne ich Tabeas typische Handschrift.

War sie wieder in Berlin, noch dazu hier in Friedenau? Hatte sie resigniert, weil BoJo, der Oberbrexiteer, die britischen Wahlen gewonnen hatte und nun den Brexit durchziehen würde?

Ja, glasklar, das war Tabea! Natürlich hatte sie wie immer Corned Beef und Snyders Pretzel pieces, aufgeschrieben, vor allem natürlich ihre geliebten Hot Buffalo Wings und die Salted Caramels.

Diese Notizen bedeuteten mir die letzte Gewissheit: Tabea Feuerhahn war wieder in Berlin, und ich musste sie so schnell wie möglich finden.

Ich armer alter Zausel - bald 82 - war noch immer verliebt in Tabea Feuerhahn!

 

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Donnerstag, 6. Januar 2022

 Illustrierte Kürzestgeschichten

Inspiriert durch gefundene Einkaufszettel –

wöchentlich erzählt von März 2019 bis Juli 2020.

 

44

Das Eulentattoo

Franziska und Anna-Maria, beide 36, erwarten Besuch aus ihrer beider Heimat, aus Dresden.

Erwartet wird Dr. phil. Jessica Bock, ebenfalls Dresdnerin und 36, Kunsthistorikerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am DDF, am Deutschen Digitalen Frauenarchiv.

Franziska, die voriges Jahr an der Tagung des SLpB1 „100 Jahre Frauenwahlrecht in Deutschland. Zur Geschichte der politischen Partizipation von Frauen in Sachsen“ teilnahm, hatte Jessica nach deren Vortrag kennengelernt und zu einem Besuch nach Berlin-Friedenau eingeladen.

Franziska hat erst in Dresden, dann an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee Malerei und Visuelle Kommunikation studiert. Mittlerweile arbeitet sie als künstlerische Mitarbeiterin für Experimentelle Materialforschung in Weißensee. Mit ihrer Freundin Anna Maria, Bibliothekarin an der HUB, bewohnt sie in Berlin-Friedenau ein geerbtes, geräumiges Dachatelier.

Zum Abendessen wollen Franziska und Anna-Maria ihrem Gast „Original Sächsische Rinderrouladen“ anbieten.

Franziska hatte nach der Dresdener Tagung während des gemeinsamen Abendessens der Tagungsteilnehmerinnen in einem Lokal in der Nähe der Frauenkirche bemerkt, dass Jessica Bock am linkenOberarm ein sehr großes Tattoo trägt, eine Eule. Sie hatte Jessica darauf angesprochen, und so hatte sich eine lockere Unterhaltung zwischen den beiden Frauen entwickelt. Nicht nur Jessicas Engagement im feministischen Kultur- und Bildungsbereich und ihre Beteiligung an Oral-History-Projekten in Deutschland, Polen und der Ukraine beeindruckten Franziska sehr, sondern auch die große Eule auf Jessicas Oberarm. 

Jetzt beim Rotwein nach der Rinderroulade und dem wunderbaren Himbeeren-Nachtisch bittet Franziska Jessica, Anna-Maria, der Eulensammlerin, ihr Tattoo zu zeigen. „Anna-Maria kennt sich mit Eulen aus, Eulen als Symbol, Metapher, Eulenmythologie, Anna-Maria weiß alles über Eulen!“

„Toll an Deinem Eulentattoo, finde ich“, sagt Anna Maria, „dass es nicht designt ist, dass es weder eine hyperrealistische, noch eine dekorativ verkitschte Eule ist, dass es eben kein typisches Eulentattoo der Tattoostecher ist, sondern eine schöne, offene Eulenskizze oder Eulenzeichnung – wie von Adolph Menzel, schiebt sie leise hinterher.

„So eine Eule lass’ ich mir auch stechen -, aber du musst sie mir zeichnen“, sagt sie zu Franziska.

„Okay, ich zeichne Eulen für Dich – aber ich will auch Nanne Meyer2 bitten, für Dich ein paar Eulen zu zeichnen.“

„Darauf trinken wir noch ein Glas.“

Mit „Uhhhuuu!“ stoßen die Drei fröhlich an.

 

1  SLpB = Sächsisches Landesamt für politische Bildung, Dresden

2  Nanne Meyer (* 1953 in Hamburg) ist eine deutsche bildende Künstlerin, die in Berlin lebt und arbeitet. Ihr Werk besteht aus Zeichnungen, Collagen und der Herstellung von Künstlerbüchern. Sie war als Professorin an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee tätig. Wikipedia

 

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