Samstag, 22. Januar 2022

 Illustrierte Kürzestgeschichten

Inspiriert durch gefundene Einkaufszettel –

wöchentlich erzählt von März 2019 bis Juli 2020.

 

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Seidenweich

 

Jördis, Wissenschaftsjournalistin (37), hatte gestern bei Sonnenschein die offene Loggia für den Frühling zurechtgemacht, sie geputzt, den Tisch abgewaschen und die Balkonsessel von der Hintertreppe geholt. Die Frühlingsblüher für die Kästen wollte sie am Samstag auf dem Wochenmarkt kaufen. Außerdem musste sie an eine neue 5-Liter-Gießkanne denken.

Als sie morgens im Tagesspiegel las „Was ist noch erlaubt und was nicht: Die wichtigsten Fragen im Überblick“, begriff sie, dass sie auf dem Wochenmarkt keine Gießkanne würde kaufen können, weil dort nur noch Lebensmittel angeboten werden durften. An den Kauf eines neuen Bügelbretts, das sie in einem der großen Kaufhäuser zu finden hoffte, war erst recht nicht zu denken. „Grundsätzlich müssen alle Verkaufsstellen schließen“, und die aufgezählten Ausnahmen waren: „Lebensmitteleinzelhandel, Abhol- und Lieferdienste, Apotheken, Sanitätsbedarf, Drogerien, Tankstellen, Waschsalons, Bau- und Gartenmärkte, Tierbedarf, Fahrradgeschäfte und Handwerkerbedarf“.

Nach ihrem Einkauf stellte sie zu Hause verwundert fest, dass sie das Paket Toilettenpapier vergessen hatte – dabei hatte sie doch im Supermarkt Küchenrollen gekauft, die direkt neben den Klopapierrollen lagen. Sie tröstete sich damit, dass sie im Badezimmer hinter dem Wäschekorb noch ein unangebrochenes Paket stehen wusste.

Nach dem Einräumen der Einkäufe setzte sie sich an den PC und überlegte, ob es sie jetzt reizen könnte, doch über die deutschen Hamsterkäufe von Hygienepapier zu schreiben. Kopfschüttelnd vor den leeren Supermarktregalen stehend, hatte sie in den letzten drei Wochen mehrfach daran gedacht, schreibend die Gründe für das wahnsinnige Hamstern aufzudecken. Quatsch, dachte sie, das lohnt nicht, die Kollegen, die Satiriker und die Kabarettisten haben schon genug Geistesblitze dazu produziert.

Im Berliner Mauerpark in Prenzlauer Berg gab es sogar schon ein gespraytes Wandbild dazu. Es zeigte die Tolkien-Figur des knochig verhärmten und schatzhortenden Gollum mit einer Rolle Klopapier und der Sprechblase „Mein Schatz!“ – womit nicht nur die Mühseligkeit des Erbeutens, als auch die Verbissenheit zu dessen Verteidigung angedeutet war. Das einprägsame Wandbild hatte Jördis nicht real gesehen, sondern nur dessen Foto in der FAZ.

Als sie abends per Facetime im Gespräch mit ihrer Kollegin Miriam wieder auf das Hamster-Thema kam, verblüffte es sie sehr, dass Miriam ihr empfahl, doch wie sie selbst Toilettenpapier online bei smoothpanda.de zu bestellen. Plastikfrei, umweltschonend und reißfest, etwas teurer zwar, aber das sei die Alternative, wenn man das graue Recyclingpapier nicht möge. Smooth Panda, die deutsche Marke für Klopapier und Taschentücher aus Bambus – sie solle sich mal im Internet informieren. Bambuspapier – das komme zwar auch aus China, sei aber seidig-sanft, – sie werde es merken.

 

 

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